12. Juni 2009
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24. Mai 2009
001 100 011
Ach so, und das ganze ist als Rap-Text gedacht. Die 001 100 011-Zeilen muss man sich als Chant vorstellen, der vom Publikum möglichst die ganze Zeit über als Rhythmus durchgehalten wird. Vier-Viertel-Takt, also quasi 001**100011*****. Aber gut jetzt, ich will Euch ja nicht ewig mit langweiligem Intro langweilen.
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Auf der letzten Lan-Party ha'm wir ziemlich lang gezockt,
haben von morgens früh um acht bis in die Nacht um vier gerockt,
die ander'n schliefen, ich blieb wach, Red Bull hat meinen Schlaf geblockt,
und was ich dann gesehen hab, hat mich geschockt:
Die Computer war'n noch immer angedockt, immer noch vernetzt.
Ich war entsetzt: Die Rechner hatten Sex! Ehrlich, jetzt,
da tanzten Laptops topless Lapdance
zu Rap-Bands auf den Ipods von Mac-Fans.
Ich sah Sticks in USB-Slots von USB-Sluts,
vier in einer drin - und da war noch mehr Platz
in dem USB-Bus auf der Datenautobahn
ungeschützter Verkehr ganz ohne Virenprogramm
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Der nächste Akt der Hardcore-Hardware-Show
war Prozessorfellatio:
Der Lüfter blies fies, aber was ich dann entdeckte -
die Wasserkühlung leckte.
Zwei alte Commodore, die machten langsam schlapp,
sie fuhren hoch - und stürzten dann zusammen ab,
die Vista-Kiste daneben hatte noch einiges vor,
sie flirtete mit dem schärfsten HD-Monitor,
sie verlor ganz entspannt und elegant ihr Gehäuse,
ganz am Rand klickten um den Verstand sich zwei Mäuse,
während die Vista-Kiste weiterstrippte.
Und dabei Pornofilme rippte.
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001 100 011
001 100 011
Den Notfall bemerkte ich, weil Modems sich was zuschrien,
ein 386er hatte einen Bluescreen.
Er war zu alt - und als es ihn gepackt hat,
hat er sich mit Viagra übertaktet.
Das war zuviel für sein Motherboard, es qualmte und es stank,
seine Festplatte wurde gerettet, Zuse sei dank.
Silicon Ally gebar ein Netbook, einen Sohn
und der Alte lebte weiter dank Reset-inkarnation.
Ich wurde wach, was für ein Graus, wer denkt sich solche Träume aus?
Ich war nie auf 'ner Lan-Party, und ich mach mir auch nichts draus.
Aber wenn ich d'rüber nachdenke, dieser geile Chor,
der geht mir seitdem nicht mehr aus dem Ohr.
Und der ging 001 100 011...
21. März 2009
Glaubenskrise
Glaubenskrise
Bruder Benedikt war zwar gläubig, aber nicht dumm. Er wusste, dass die Welt nicht in sieben Tagen entstanden war. Er wusste, dass der Mensch nicht aus Lehm geformt wurde, sondern die Evolution den Homo Sapiens vom Einzeller über den Mehrzeller, über den Quastenflosser, die ersten Säugetiere und so weiter entwickelt hatte. Aber das hieß ja nicht, dass Gott nicht dahinter steckte. Immerhin gab es in der Evolution ja enorme Sprünge. Der am besten angepasste Organismus gibt sein Erbmaterial weiter. Aber wer, wenn nicht Gott, sorgte denn dafür, dass einzelne Organismen plötzlich besser angepasst waren? Dass sich so hochkomplizierte Gebilde wie ein Auge oder der Gleichgewichtssinn über zahllose Generationen hinweg entwickeln, lange bevor sie funktionieren und der Träger der jeweiligen Gene einen Vorteil durch sie erlangt? Wer, wenn nicht Gott, hat uns denn die Fähigkeit gegeben, miteinander zu kommunizieren und unser Wissen auszutauschen? War die Seele Teil der natürlichen Selektion?
Nein, für Bruder Benedikt war eins klar: Auch wenn die frühen Kapitel der Bibel teilweise eher metaphorisch aufzufassen sind und mit den begrenzten wissenschaftlichen Mitteln der damaligen Zeit Antworten auf Fragen nach der Entstehung der Erde oder der einzelnen Arten bieten sollten, so zweifelte er nicht an der Wahrheit der späteren Bücher der Bibel. Er glaubte, dass Gott Moses half, sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien und zum gelobten Land zu führen. Dass er zu Jonas, Jeremiah und Jesaja sprach. Dass er sich selbst als seinen Sohn zu uns schickte und opferte, um die Sünden der Menschen auf sich zu nehmen. Auch wenn Gott uns nicht wie einen Golem aus Ton formte, oder aus einer Rippe, so sind wir doch seine Kinder, nach seinem Bild erschaffen. Die Krone der Schöpfung.
Man kann sich also Bruder Benedikts Verwunderung vorstellen, als er eines Tages im Klostergarten ein metallenes Ei von der Größe eines Kleinwagens fand. Es war glatt und völlig gleichmäßig, Benedikt konnte keine Spalten, Scharniere oder Schrauben erkennen. Und doch teilte es sich in zwei Hälften wie eine Kinderüberraschung, als Benedikt vorsichtig näher kam. Der Inhalt des Objektes machte es nicht besser: Ein Lebewesen mit großem, halb durchsichtigen Kopf und zahllosen kleinen Tentakeln wie eine Qualle. Es hatte drei riesige Augen, gleichmäßig um den Kopf herum verteilt, und blinzelte ihn an. Auf der Ei-Innenseite leuchteten diverse Lichter und Bildschirme.
Bruder Benedikt blieb stehen. Er legte vorsichtig seinen Rechen zu Boden, damit das Wesen diesen nicht für eine Waffe hielt. Dann machte er das Kreuzzeichen, räusperte er sich und wandte das Wort an sein groteskes Gegenüber.
"Kannst Du mich verstehen?"
Das Wesen reagierte nicht, blinzelte ihn bloß weiter an. Dann streckte es seine Tentakel aus und berührte damit unterschiedliche Schaltflächen.
"Mein Name ist Benedikt. Wer bist Du, und wo kommst Du her?"
Es brauchte noch ein paar Minuten, bis das Raumschiff genügend Sprachdaten von Benedikt gesammelt hatte, um rudimentär dolmetschen zu können. Dazu wandelte es Benedikts Fragen in Farben um, die einer der Monitoren anzeigte. Das quallenartige Wesen antwortete, indem sein Kopf in unterschiedlichen Farbtönen leuchtete, was das Schiff wiederum in für Benedikt verständliche Sprache umwandelte.
NAME IST [unübersetzbar]. KOMME VON PLANET [unübersetzbar]. KOMME IN FRIEDEN. TEIL EINER GRUPPE WISSENSCHAFTLER. ZIEL NEUE PLANETEN FINDEN. DENN [unübersetzbar] ÜBERBEVÖLKERT. TELESKOP SAH DEINEN PLANET. EIN GROSSES LAND, REST WASSER, MÜSSEN NICHT [unübersetzbar]FORMEN. 300 MILLIONEN LICHTJAHRE MIT RAUMKRÜMMUNG ÜBERBRÜCKT. PLANET SIEHT AUS NÄHE UNERWARTET AUS.
Benedikt überlegte.
"Wenn Dein Planet 300 Millionen Lichtjahre entfernt ist, dann haben Eure Teleskope 300 Millionen Jahre alte Bilder eingefangen. Das war ja noch vor den Sauriern!"
VERÄNDERUNGEN MIT EINGERECHNET, AUSMASS HAT TROTZDEM ÜBERRASCHT. KEIN ANDERER BEKANNTER PLANET HAT SICH SO SCHNELL ENTWICKELT WIE… ERDE. ERDENSPEZIES MACHT SCHRITTE INS ALL. HINTERLASSEN DABEI SCHROTT. ALTE TREIBSTOFFTANKS, SATELLITEN… BEI WIEDEREINTRITT AUS HYPERRAUM WURDE DAVON SCHIFF BESCHÄDIGT. KONNTE MIT RETTUNGSKAPSEL MEIN LEBEN RETTEN. BRAUCHE HILFE. BRAUCHE WASSER.
Benedikt griff nach der Gießkanne und lief zum Klosterteich. Dort angekommen, füllte er die Kanne mit Wasser und machte sich auf den Rückweg. Erst jetzt erholte er sich langsam von seinem Schock und zählte zwei und zwei zusammen. Ein außerirdisches Lebewesen. Ein Wesen von einem anderen Planeten, mit Bewusstsein, mit der Fähigkeit zu kommunizieren. Und technisch weitaus fortgeschrittener als Menschen. Aber wie kann das sein? Hatte Gott uns nicht nach seinem Ebenbild erschaffen? Sind wir nicht seine geliebten Kinder? Aber wer waren denn dann die? Und davon mal abgesehen: Was wird denn passieren, wenn es bekannt wird, was hier im Klostergarten gelandet ist?
Dies war eine zynische Welt, und es gab kaum noch Menschen, die an Gottes Liebe glaubten. Im Vatikan wurden schwer nachvollziehbare Entscheidungen getroffen. Wenn jetzt bekannt würde, was Bruder Benedikt hier gefunden hat, gäbe es erst recht eine weltweite Glaubenskrise. Die Bibel erwähnt kein Leben auf anderen Planeten, also würde die breite Masse vermutlich einen Widerspruch sehen. Und in der aktuellen Zeit könnte das ein Widerspruch zuviel sein. Er musste den Außerirdischen irgendwie loswerden, bevor ein anderer Bruder ihn fand und womöglich die Medien verständigte.
Er holte eine Bibel aus seinem Habit und schlug wahllos eine Stelle auf. Eine liebgewonnene Gewohnheit in Situationen, in denen Benedikt nicht weiterwusste.
Psalm 139, 19 bis 22
19Ach Gott, dass du den Gottlosen tötetest und die Blutgierigen von mir weichen müssten! 20Denn sie empören sich arglistig wider dich; deine Feinde erheben ihre Hand zur Lüge. 21Sollte ich nicht hassen, die dich, HERR, hassen, und keinen Abscheu empfinden vor deinen Widersachern? 22Ich hasse sie mit vollkommenem Hass, sie sind mir zu Feinden geworden.
Wie konnte dieses groteske Geschöpf ein Werk Gottes sein?
Er leerte die Gießkanne auf dem Rasen. Dann ging er zu dem kleinen Schuppen, in dem in den Wintermonaten der Grill gelagert wurde, um das Wasser in der Kanne mit flüssigem Grillanzünder zu ersetzen. "Du sollst nicht töten" bezog sich auf Menschen, nicht auf Tiere, folglich auch nicht auf dreiäugige Quallen aus dem Weltall.
Er sprach noch ein Gebet und ging zurück zum Raumschiff. Mit Tränen in den Augen übergoss er das Wesen mit dem Inhalt der Kanne. Er wollte es nicht tun, aber es war der einzige Weg. Das Wesen leuchtete in den kräftigsten Farben.
NEIN. NICHT. [Unübersetzbar], HILFE!
Benedikt griff nach der Spitzhacke und erschlug den Besucher. Dieser blinkte noch einmal in den lautesten Farben auf und wurde dann langsam blass. Der Bordcomputer übersetzte sein Todesröcheln:
GLAUBE AN [Unübersetzbar], VATER, ALLMÄCHTIG. SCHÖPFER VON HIMMEL UND [Unübersetzbar]. UND AN [Unübersetzbar], SEINEN EINGEBORENEN SOHN, UNSEREN HERRN…
16. März 2009
Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen
Im Flur glich er die Uhrzeit mit der auf seiner Funkwanduhr ab. Sie stimmte auf die Sekunde. Dominik ging in die Küche und setzte einen Topf mit Wasser für Spaghetti auf den Herd. Er stellte die Küchenuhr auf sechs Minuten, ging ins Wohnzimmer und nahm auf der Couch Platz. Erneut fiel sein Blick auf seine neue Armbanduhr. Eigentlich ein hässliches Ding, aber einem geschenkten Gaul schaut man ja nicht ins Maul. Seine Finger fanden den Weg zu diesem Ring auf der Uhr. Etwas geistesabwesend drehte er ihn ein Stück im Uhrzeigersinn. Durch den Gestank, der plötzlich aus der Küche drang, fiel ihm nicht auf, dass die Zeiger der Uhr ihre Karussellfahrt beschleunigten, oder dass der Ring wie durch eine Feder wieder auf die Ausgangsposition zurückschnappte.
Er raste in die Küche, der Nudeltopf war leer, vom Boden stieg ein beißender Rauch auf. Wie konnte das Wasser so schnell verkochen, er war doch keine zwei Minuten nebenan? Die Küchenuhr stand wieder auf Null und hatte doch nicht geklingelt… Er sah auf die Armbanduhr – er hatte eine dreiviertel Stunde verloren. Dominik nahm den Herd vom Topf, stellte ihn in die Spüle und drehte das heiße Wasser auf. Es zischte und qualmte. Der Topf war nicht mehr zu retten. Merkwürdig. Er schaltete den Herd aus und den Fernseher ein. Der Lotto-Jackpot war geknackt, aber der Gewinner hatte sich noch immer nicht gemeldet.
In der Nacht schlief Dominik nur schlecht, der Geruch des angebrannten Topfes hing immer noch in der Luft. Am nächsten Morgen überhörte er den Wecker und verließ das Haus eine halbe Stunde zu spät. Er eilte zur Bushaltestelle, blieb aber mit dem linken Arm an der Haustür hängen. Mit der rechten Hand befreite er die linke und merkte dabei gar nicht, dass er dabei wieder an den Ring seiner Uhr griff und diesen ein kleines Stück gegen den Uhrzeigersinn drehte. Auch nahm er nicht die Person wahr, die hinter dem Auto seines Nachbarn hockte und ihn beobachtete.
Erneut schnappte der Ring unbemerkt zurück, erneut drehten sich die Zeiger – diesmal verkehrt herum. Dominik erreichte die Bushaltestelle und sah auf die Uhr. Er war zwei Stunden zu früh dran. War die Armbanduhr jetzt doch kaputt? Nein, ein Blick auf die Handyuhr bestätigte die Zeit. Ebenso die Kirchturmuhr auf der anderen Straßenseite. Dominik ging etwas ratlos zurück nach Hause, jetzt war ja doch noch Zeit für ein längeres Frühstück. Doch aus dem Schlafzimmer hörte er ein Schnarchen. Auf Zehenspitzen schlich er hinein, aber dort im Bett – lag er selbst. Er versuchte, sein schlafendes Ich zu wecken, aber ohne Erfolg.
Der wache Dominik schaltete den Wecker aus und setzte sich neben das Bett, um abzuwarten, was passiert. Doch er verlor die Geduld und ging in die Küche, um sich einen Apfel zu holen. Als er zurückkam, war das Bett leer, dafür drang das Geräusch von fließendem Wasser aus dem Bad. Dominik biss in den Apfel und verließ die Wohnung. Er wollte eine direkte Konfrontation jetzt doch vermeiden und sich zunächst einmal weiter beobachten. Das ganze war doch bestimmt sowieso ein Traum, und da sind solche plötzlichen Sinneswandel doch ganz normal.
Er duckte sich hinter das Auto vor der Wohnungstür und wartete. Siehe da, der andere Dominik verließ das Haus – und blieb mit dem Ärmel in der Haustür hängen. Déjà Vu. Dominik 1 beobachtete, wie Dominik 2 an sein Handgelenk fasste und dabei an der Uhr drehte – und verschwand. Dominik rechnete zwei und zwei zusammen: Er war jetzt doch wieder zu spät zur Arbeit. Es sei denn… Er sah auf seine Uhr. Er nahm den nächsten Bus zum Büro. Dort angekommen, sah er seine Uhr an. Er spielte damit herum. Er drehte den Ring im Uhrzeigersinn. Die Zeiger rasten vorwärts, und es dämmerte im Zeitraffer. Dominik drehte den Ring zurück – und sah zu, wie sich die Zeiger rückwärts bewegten – und die Zeit gleich mit. Dominik war noch nie so pünktlich wie heute. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat er das Firmengebäude. Er begann, die Möglichkeiten zu erkennen, die ihm die Uhr bot. Nach Feierabend fuhr er nach Hause und spulte wieder zum Vormittag zurück. Mit der Uhr hatte er jetzt soviel Freizeit wie er wollte. Mal was anderes… Er drehte den Ring bis zum Anschlag nach vorne. Mal schauen, was die nächsten Jahre so passiert. Es wurde dunkel und wieder hell, dunkel, hell, immer und immer schneller. Irgendwann ließ er los und sah, wie der Ring zurückschnappte. Er sah von der Uhr auf – und in den Lauf einer futuristisch anmutenden Handfeuerwaffe. Sein Instinkt übernahm, und er entwaffnete den alten Mann, der ihm gegenüberstand, im Handumdrehen. Wortwörtlich. Er richtete die Waffe auf den Großvater. Doch der zog blitzschnell eine weitere Pistole und richtete sie auf Dominik. Dominik drückte ab, ein-, zweimal. Der alte Mann ging zu Boden. Auch er drückte ab, aber die Pistole klickte nur.
"Die Waffen – ich habe sie verwechselt. Aber wie…?" Blut lief aus seinem Mund, und er regte sich nicht mehr. Dominik sah sein Gegenüber genauer an. Dieses Muttermal auf der linken Wange kannte er doch. Das Bild, dass ihm täglich aus jedem Spiegel entgegensah, trug das gleiche auf der rechten.
Er zog dem alten Mann das Hemd hoch: Tatsächlich, die Narbe seiner Blinddarm-Operation. Er hatte gerade sich selbst getötet. Er sah sich um. Doch, das war immer noch seine Wohnung. Viel moderner und um einiges teurer eingerichtet, aber unverkennbar sein Stil. Er schaltete den riesigen Flatscreen-Fernseher ein, den er sich offenbar irgendwann kaufen würde und schaltete auf einen Sender mit Nachrichten. Laut dem Datum in der oberen rechten Ecke war er achtundvierzig Jahre in die Zukunft gereist. In achtundvierzig Jahren würde er sterben. Er griff an seine Uhr und reiste zurück. Immerhin hatte er jetzt achtundvierzig Jahre Zeit, seinen Tod zu verhindern.
Wieder zuhause, ging Dominik seine Optionen durch. Er musste die Zeit ändern. Aber kann man das überhaupt? Er wagte ein Experiment. Er spulte bis zum letzten Samstag zurück und betrat ein Lotto/Toto-Geschäft. Er schnappte sich einen Lottoschein und füllte ihn aus. Die Zahlen kannte er, denn die Ziehung in ein paar Stunden hatte er bereits vor ein paar Tagen gesehen. Die Quittung nahm er mit nach Hause. Jetzt müsste er sie nur noch so hinterlegen, dass sein jüngeres Ich sie findet. Er klebte den Zettel mit Tesafilm an seinen Badezimmerspiegel. Dann reiste er wieder zurück in die Gegenwart. Die Wohnung war unverändert. Er sah über das Internet nach seinem Kontostand. Im Minus, aber noch innerhalb seines Dispo-Rahmens. Sollten da nicht mehrere Millionen draufsein? Er ging zurück ins Badezimmer. Keine Quittung. Allerdings… war an der Stelle, an die er das Tesafilm geklebt hatte, nicht weniger Staub als darum herum? Er suchte das Badezimmer ab. Und siehe da: Unter dem Waschbecken fand er die Quittung. Der Kleber hatte scheinbar nicht gehalten, und der Zettel hatte sich abgelöst. Dadurch hatte sein jüngeres Ich ihn nicht gefunden. Aber… die Quittung war ja noch immer gültig. Er ging zum Lottoladen. Und gewann den Jackpot. 15 Millionen Euro. Und achtundvierzig Jahre Zeit zum Geldausgeben. Aber hatte er eigentlich etwas geändert? Schwer zu sagen. Vage fiel ihm die Nachrichtenmeldung vom Vorabend ein. Der Jackpot sei geknackt, der Gewinner habe sich aber noch nicht gemeldet. War er zu diesem Zeitpunkt bereits der Gewinner? Hatte er sich bloß nicht gemeldet, weil er die Quittung nicht auf dem Badezimmerfußboden gefunden hatte? Wenn er nicht zurückgereist wäre… hätte es dann überhaupt einen Jackpotgewinner gegeben? Er griff zu seiner Uhr und reiste wieder zu Samstag zurück, an einen Moment, kurz nachdem er die Quittung an den Spiegel geklebt hatte. Und siehe da: Sie war noch dort. Er zog sie ab und ging in die Küche, um sich einen anderen Ort dafür auszusuchen. Er klebte die Meldung an den Kühlschrank. Hier musste sie ins Auge fallen. Er drehte sich herum… und sah sich selbst. Okay, das ist der Beweis. Er konnte sich nicht daran erinnern, sich selbst in der Küche getroffen zu haben, also musste diese Szene neu sein.
"Bevor Du Dich erschrickst, keine Sorge. Ich bin Du. Du bist ich. Ich bin aus der Zukunft gekommen, um Dir diesen Lottoschein zu g…"
"Halt die Klappe, das weiß ich alles selber. Das Wir von jetzt gerade ist nicht zuhause. Und ich bin ein halbes Jahr älter als Du. Hör zu. Du kannst hier gerne noch ein bisschen rumprobieren, aber eines habe ich festgestellt. Wir können die Zeit nicht verändern. Was geschehen ist, ist geschehen, wir erinnern uns ja daran. Und die Zukunft, die wir uns ansehen, wird genauso passieren. Wenn Du versuchen würdest, Hitler als kleines Kind zu töten, würde es nicht funktionieren. Denn Hitler hätte jedes Attentat überlebt. Er wurde erwachsen, er wurde Reichskanzler und GröFaz und riss halb Europa ins Verderben. All das ist wirklich passiert und steht in den Geschichtsbüchern. Es gibt genügend Zeitzeugen von damals, die sich genau daran erinnern. Daran gibt es nichts zu rütteln. Wenn Du versuchst, ihn zu erschießen, würde Deine Waffe klemmen, oder die Patronen wären nicht in Ordnung. Du kannst die Geschichte nicht verändern. Denn von der Gegenwart aus ist sie ja bereits geschehen. Das bedeutet aber auch, dass alles, was Du bei einer Reise in die Vergangenheit tust, bereits geschehen ist. Und wenn man das ganze jetzt aus der Zukunft betrachtet, dann ist die Gegenwart bereits geschehen. Ändern kannst Du nur, woran sich niemand erinnern kann. Das, was zwischen den Zeilen der Geschichtsbücher steht. Wie der Lottogewinn. Es gab einen Gewinner, und das waren schon immer wir. Und der hat sich nicht gemeldet, weil wir es noch gar nicht wussten. Jeder Versuch, das zu verändern, wird scheitern. Denn hätten wir den Zettel vor der Uhr hier gefunden, dann würden wir zwei uns doch daran erinnern. Und würdest Du jetzt bis Montag springen und es dann versuchen, würde es auch nicht klappen. Vielleicht ist die Lottoannahmestelle geschlossen, oder Du würdest auf dem Weg dorthin von einem Auto angefahren und ins Krankenhaus gebracht, bis der Laden zu ist. Denn hätte ich den Zettel eingelöst, würden wir uns nicht an die Nachrichtenmeldung erinnern, der Gewinner habe sich noch nicht gemeldet."
"Aber… was ist denn dann mit freiem Willen?"
"Oh, Du kannst Dich entscheiden, wie Du willst. Aber Du kannst nur so wollen, wie es das Schicksal will."
"Schopenhauer. Der Mensch kann tun, was er will, aber nicht wollen, was er will."
"Korrekt. Mit anderen Worten: Du kannst nichts ändern, von dem Du weißt, das es bereits passiert ist. Du kannst die Lottoquittung nur zurück unter das Waschbecken legen, damit Du sie am nächsten Mittwoch finden konntest. Und in einem halben Jahr wirst Du ich sein und an diesen Punkt in der Zeit zurückkehren, um mit Deinem jüngeren Selbst diesen Dialog zu führen."
"Zeitreisegrammatik ist kompliziert. Aber was heißt das für unser Problem?"
"Alles, woran Du Dich erinnerst, ist bereits geschehen. Und das schließt eben leider auch den Teil der Zukunft ein, an den Du Dich erinnerst. Du hast also achtundvierzig Jahre Zeit, um 15 Millionen auszugeben. Aber sieh es positiv: Du weißt jetzt, wann Du stirbst. Das heißt auch, dass Du nicht vorher sterben kannst. Du gewinnst jede Runde Russisches Roulette. Du bist immun gegen alle tödlichen Krankheiten. Du wirst jeden Autounfall weitestgehend schadenfrei überleben."
"Weitestgehend?"
"Na ja, hast Du unser altes Ich auf irgendwelche Glasaugen, Beinprothesen oder so etwas untersucht?"
"Ich verstehe."
"Nein, noch nicht. Daran würde ich mich erinnern. Aber Du fängst langsam an, zu verstehen. Und in den kommenden Wochen und Monaten wirst Du immer mehr herausfinden, bis Du zu dem Wissensstand kommst, den ich habe."
"Hmmm… okay. Hey, solange wir noch hier sind… Lust auf eine Partie Schach? Du wärst endlich mal ein gleichwertiger Gegner."
"Nein, wäre ich nicht. Ich wüsste jeden Deiner Züge, weil ich ihn selbst schon gemacht hätte. Mach's gut."
Und der ältere Dominik drehte an seiner Uhr und verschwand.
Achtundvierzig Jahre später. Dominik hatte ein langes und erfülltes Leben. Er hatte noch noch ein paar Mal im Lotto gewonnen, immer kleinere Beträge, damit es nicht auffiel. Er hatte äußerst gewinnbringend am Aktienmarkt spekuliert und ein Vermögen gemacht. Jahrzehnte lang hatte er das Leben in vollen Zügen genossen, hatte mit Drogen und Frauen experimentiert und alle Extremsportarten durchprobiert, die es gab. Doch je näher es auf seinen Todestag zuging, desto mehr Angst hatte er vor dem Tod. Und er begann, sich zu fragen, warum er überhaupt mit den Pistolen herumhantiert hatte, beziehungsweise herumhantieren wird. Sein künftiges Ich hätte doch ebenfalls wissen müssen, dass er als junger Mann auf einer Zeitreise sich selbst in vermeintlicher Notwehr töten würde. Sein jüngeres Ich hätte er doch gar nicht töten können, sonst hätte es ihn selbst doch gar nicht gegeben. Und eines Tages kam ihm die Idee.
Er steckte die eine Pistole ein, und wartete, mit der anderen Pistole auf den Punkt in seinem Wohnzimmer zielend, an dem sein jüngeres Ich sich gleich materialisieren würde. Der junge Dominik erschien, den Blick auf seine Uhr gewandt. Er sah sein älteres Selbst an, unwissend, wer ihm da gegenüberstand. Der alte Dominik wehrte sich nicht, als der junge ihm die Waffe entriss. Er hatte einen Plan. Er griff nach der zweiten Waffe und drückte ab. Klick. Klick. Der Junge schoss.
Der Alte ging zu Boden: "Die Waffen – ich habe sie verwechselt. Aber wie…?"
Dann zerbiss er die Blutkapsel, die er in der Wange versteckt hatte.
Der Junge untersuchte sein künftiges Selbst flüchtig und verschwand. Der Alte nahm die "Tatwaffe", die der Junge fallengelassen hatte, und entnahm die restlichen Platzpatronen. Er lächelte. Natürlich hatte er die Waffen nicht verwechselt. Den Satz hat er nur gesagt, weil er ihn als junger Mann von sich selbst gehört hatte. Den Teil konnte er nicht verändern. Er hatte nur auf das Einfluss, woran er sich selbst nicht erinnerte. Er hatte die Waffe doch nie untersucht. Er hatte stets angenommen, dass scharfe Munition darin war, aber zweifelsfrei gewusst hatte er das nicht.
Der alte Dominik Rakers lachte. Er lachte laut auf, er war dem Tod von der Schippe gesprungen. Er hatte keinen Timer mehr, der ihm ständig seine eigene Sterblichkeit vor Augen hielt. All die Jahre hatte er umsonst Angst vor diesem Tag gehabt. Er lachte, wie er noch nie zuvor gelacht hatte.
Dann griff er sich ans Herz. An das von jahrzehntelangem Drogenkonsum und übermäßigem Adrenalin arg in Mitleidenschaft genommene Herz. Das Herz, das nun aufhörte, zu schlagen. Er hatte den Tod besiegt und seine Todeszeit herausgezögert. Um genau sechzehn Minuten.
21. Februar 2009
Valentinstag
Doch eines Tages sagte sie, sie liebte mich nicht mehr.
Ich wollte mich gleich töten, doch hab es nicht gemacht.
Das hätte sie zu sehr verletzt. Ich hab sie umgebracht.
HahahaHaAhahahHaHaHAHHAHAHhHahaHahAHAHHAHaHaHaHaHaHAhaHaHahHHAHhahahahhahahaHaHAHaHaHaHAHAHAHAHAHhahaha
23. Januar 2009
Mindcheater
Mindcheater
I'm a mindcheater, not a wifebeater,
would you stop looking at me like that?
When I see nice ladies I want to make babies,
and I do it - but only in my head.
I'm a mindcheater, not a cheater,
I don't know if it's my imagination or libido.
When I see nice girls, it's something of a reflex,
but I'd never cheat on my girlfriend with real sex.
I don't know, I guess my brain just works that way.
It doesn't happen for a month, and then it happens every day.
I will admit: Sometimes I even get an erection,
but I always make sure it doesn't get any action.
I'm a mindcheater, not a wifebeater,
would you stop looking at me like that?
When I see nice ladies I want to make babies,
and I do it - but only in my head.
I've got a long-distance thing, and whenever I meet her,
I fear she will find out that I'm a mindcheater.
There's nothing I can do, the images are in my head,
what can I say, I'm a man and I'm not dead.
Last time I met my girlfriend, I had finally enough.
I confessed and I'll be honest: Yeah, it was kinda tough.
I dreaded the worst, but much to my surprise,
she said she does the same - well, she does it with guys.
She's a mindcheater, not a maneater,
would you stop looking at her like that?
When she sees nice guys she wants them between her thighs,
and she has the, - but only in her head.
1. Dezember 2008
Night before Christmas of the Living Dead.
Kai-Uwe Schmottlach war der schlechteste Kaufhausweihnachtsmann der Welt. Dabei ist der Job als solches nicht wirklich schwer. Winken, mit tiefer Stimme „Ho! Ho! Ho!“ rufen, hinsetzen und ein paar Kinder fragen, was sie sich denn zu Weihnachten wünschen. Gute Kaufhausweihnachtsmänner erweitern die Standardphrasen wie „Bist Du denn auch brav gewesen“ gerne um etwas Kinder-Smalltalk nach dem Lieblingstier oder Berufswunsch, oder fragen, warum genau sich der neunjährige Justin mit den blauen Flecken am Arm denn statt einer Nintendo Wii oder einem Lego-R2D2 ausgerechnet waffenfähiges Plutonium wünscht. Andere Kaufhausweihnachtsmänner zeichnen sich durch ihr Aussehen aus: Dicke, weißhaarige Männer mit echtem Rauschebart und roter Nase, denen man den Santa Claus auch ohne Kostüm abnimmt.
Kai-Uwe Schmottlach hatte keine dieser Qualitäten. Er war schlank, groß, hatte wilde, rote Haare, Sommersprossen und eine unangenehm hohe Stimme, und seine Professionalität gegenüber den Kindern beschränkte sich darauf, keinen Ständer zu bekommen, wenn achtjährige Schülerinnen auf seinem Schoß platznahmen. Und das war es dann auch schon. Santa Kai-Uwe hörte den Kindern nicht zu, vergaß ihre Namen, beleidigte ihre Eltern, bohrte vor ihnen in der Nase, flitschte die Popel in die Menge, und sein Tourette-Syndrom manifestierte sich in un-kon-trol-lier-ten Be-we-gun-gen und spontan aus ihm herausbrechendem Pfeifen *flöt*.
Personalchef Manfred Linsenmaier stand allerdings vor einem Problem. Kai-Uwe Schmottlach war der Sohn des Kaufhausbesitzers. Er konnte die Vogelscheuche nicht einfach vor die Tür setzen, wenn er nicht bei der Gelegenheit selbst seinen Hut nehmen wollte. Natürlich hätte er die Sache dann vor Gericht bringen können, aber die Mühe war es ihm nicht wert. Immerhin war ja sowieso bald Weihnachten, und dann ist das Problem ja sowieso wieder für elf Monate aus der Welt. Und so wurde es zu einem täglichen Ritual, abends Schmottlach!!! in sein Büro zu zitieren, ihm eine Liste vorzulegen, was er heute wieder falschgemacht hat, ihm zuzuhören, wie er mit seiner Fistelstimme pfeifend Besserung – *flöt* - gelobte, bloß um am nächsten Tag alles noch schlimmer zu machen.
Eines Samstags, kurz vor Weihnachten, war Linsenmaier dann irgendwann mit seiner Geduld am Ende. Wieder einmal zitierte er Schmottlach!!! in sein Büro, wieder einmal führte die Diskussion zu nichts. Mittlerweile hatte Schmottlach die Grenzen weit genug ausgelotet, um festzustellen, dass er aufgrund seines Familienstammbaums praktisch unkündbar war. Und so langsam machte ihn das größenwahnsinnig und ziemlich streitlustig. Er schnappte sich einen kugelrunden Briefbeschwerer und legte die Füße auf den Tisch und kippelte mit dem Stuhl, immer noch im Weihnachtsmannkostüm. Sehr zu Linsenmaiers Unwillen spielte er mit dem Briefbeschwerer herum, warf ihn ein Stück in die Luft und fing ihn wieder. Auf ein unwirsches „Legen Sie den Briefbeschwerer wieder hin!“ holte Schmottlach nur mit der Kugel aus und tat, als wollte er ihn Linsenmaier an den Kopf werfen. Linsenmaier war unbeeindruckt, ließ sich nichts anmerken, zuckte nicht zusammen. Schmottlach jedoch zuckte sehr wohl. Fast wäre ihm die Kugel aus der Hand geglitten, und der Briefbeschwerer wäre am Kopf seines Personalchefs gelandet. Gerade eben konnte er das Ding noch in der Hand behalten, dadurch verlor er allerdings sein Gleichgewicht und kippte mitsamt dem Stuhl um. Die schwere Glaskugel flog doch noch durch den Raum, allerdings gerade nach oben.
Krach! Schmottlach schlug mit einem dumpfen Knall mit dem Hinterkopf auf dem Fußboden auf.
Krach! Die Kugel landete mitten auf seiner Stirn.
Schmottlach!!!
Doch Kai-Uwe Schmottlach rührte sich nicht mehr.
Manfred Linsenmaier geriet in Panik. Er versuchte, den Puls zu fühlen, aber da war nichts mehr. Eine klebrige Flüssigkeit lief aus Schmottlachs Kopf und färbte seine Nikolausmütze etwas dunkler. Linsenmaier ging die Fakten durch. Schmottlach wurde in seinem Büro durch seinen Briefbeschwerer getötet, an dem unter anderem seine Fingerabdrücke waren, und sämtliche Kaufhausangestellten wussten von seinem Problem mit Schmottlachs mangelndem Respekt, aber auch von Linsenmaiers Temperament. Das sah nicht gut aus.
Hmmm... Alle anderen Angestellten hatten schon Feierabend. Und morgen ist Sonntag, da ist sowieso geschlossen. Vor Montag wird niemand Schmottlach vermissen, und selbst dann wird sich jeder denken, Schmottlach sei halt ein unzuverlässiger Drecksack. Linsenmaier merkte, er musste einfach nur die Leiche verschwinden lassen und alle Spuren beseitigen. Ist letztlich wohl sowieso die beste Lösung für alle.
Es war zwei Uhr nachts. Auf dem Gelände hinter dem Atomkraftwerk vor der Stadt. Linsenmaier öffnete den Kofferraum seines Wagens und holte eine Spitzhacke und einen Spaten heraus. Er hob eine Grube aus, warf Schmottlachs Leiche hinein – immer noch im Weihnachtsmannkostüm – und schaufelte die Grube wieder zu. Hier würde ihn niemand suchen, hier würde ihn niemand finden. Und irgendwann mitte nächster Woche könnte er dann eine Vermisstenanzeige aufgeben. Wie das Atomkraftwerk hinter ihm strahlte er vor Glück.
Montag. Das Kaufhaus öffnete, Linsenmaier ging wie gewohnt zur Arbeit. Nachmittags sollte der Weihnachtsmannstand wieder geöffnet werden. Wie erwartet war Schmottlach nirgendwo zu sehen. Linsenmaier bestimmte einen Azubi als Aushilfsweihnachtsmann. Die Kinder bildeten eine Schlange, und alles verlief nach Plan.
Bis Schmottlach auftauchte. Sein Weihnachtsmannkostüm war voller Blut, Erde und Grasflecken. Sein Blick war leer. Seine Bewegungen noch abgehackter als sonst. Er schlurfte langsam zu seiner Vertretung, sehr zur Verwunderung der Kinder. Dann öffnete er den Mund... und biss seine Vertretung in den Kopf. Blut und Hirnmasse liefen ihm in Strömen über das Kinn, und das Schmatzen vertrieb selbst den blinden Jungen in der letzten Reihe.
Linsenmaier war kurz gelähmt, dann kam ihm eine Idee. Was immer mit Schmottlach los war, er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Andererseits konnte sein Gehirn noch immer die Bewegungen steuern, zu Instinktverhalten war er fähig.
Linsenmaier spitzte die Lippen.
*Flöt*
Schmottlach reagierte. Langsam drehte er sich um, leckte sich das Hirn von den Lippen und antwortete:
*Flöt*
Mit viel Geduld schaffte es Linsenmaier, eine rein auf Pfeifen basierende Kommunikation zu entwickeln.
Zwei Wochen später wurde Schmottlach Mitarbeiter des Monats. Er arbeitet jetzt am Schalter für Kundenbeschwerden.
16. November 2008
Liebe hoch drei
27. Oktober 2008
Unsichtbar
Gestern abend war ich beim Rosenkrieg in Bonn. In der Vorrunde wurde ich dritter, in Halbfinale ganz knapp zweiter (mit einem Punkt Vorsprung!), und obwohl es ein Dreierfinale wurde, konnte ich den zweiten Platz halten. Mein größter Erfolg bisher. In einer der Pausen erzählte dann Claas Neumann von einem Anti-Rassismus Slam in Essen Anfang November. Florian Cieslik erwähnte seine Lesebühne am Freitag abend, diesmal mit dem Thema Monster. Und beide Themen spukten mir dann auf der Rückfahrt durch den Kopf. Zu beidem hatte ich Ideen, und eine davon habe ich dann heute ausformuliert.
Unsichtbar
Hallo. Ich bin's. Erinnerst Du Dich an mich? Damals, als Du noch klein warst, war ich Dein bester Freund. Außer Dir konnte mich niemand sehen, aber das machte nichts. Wir hatten trotzdem viel Spaß zusammen. Ich war immer da für Dich. Ich habe mich mit Dir gefreut, wenn es Dir gut ging, ich habe Dich in den Arm genommen, wenn Du Angst hattest, ich habe Dich gekitzelt und alberne Witze erzählt, wenn Du Aufheiterung brauchtest. Wir haben zusammen Spiele erfunden und ganze Nachmittage damit verbracht, lustige Geräusche zu machen.
Deine Eltern haben es nicht verstanden. Sie konnten mich nicht sehen. Sie konnten mich nicht hören. Sie sagten, Du hättest Dir mich nur ausgedacht. Was soll das denn heißen, nur? Die wussten doch gar nicht, was „ausdenken“ bedeutet. Ausdenken ist ein aktiver Prozess, ein aus-dem-Kopf-heraus-denken. Ideen in Eure Welt hineinzudenken. Und gerade die Phantasie von Kindern ist der fruchtbarste Nährboden für Ideen. In den kleinen Kinderköpfen ist nicht genügend Platz für alle Ideen, und darum denken sie uns aus, in Eure Welt hinein. Und es ist eine perfekte Symbiose. Ihr denkt uns ins Leben aus und füttert uns mit Zuneigung, dafür sind wir Eure Freunde. Und es gibt eine ganze Menge von uns, nicht umsonst steckt das Wort „Nation“ in „Imagination“.
Es war eine schöne Zeit. Wir bauten im Sommer Sandburgen und füllten sie mit Ideen. Im Winter schufen wir Schneemänner und lieferten uns Schneeballschlachten. Du hast meistens gewonnen.
Irgendwann haben uns Deine Eltern dann einen Hamster gekauft. Das heißt, gekauft haben sie ihn eigentlich nur Dir, damit Du auf andere Ideen kommst. Später waren es dann Deine Freunde aus dem Kindergarten, Dein erstes Fahrrad, Deine He-Man Figuren, Dein Gameboy... Und irgendwann dazwischen konntest Du mich nicht mehr hören, irgendwann konntest Du mich nicht mehr sehen, irgendwann hast Du nicht mehr an mich gedacht... Und irgendwann hast Du vergessen, dass es mich jemals gab.
Aber ich war noch da.
Weißt Du, wie das ist, wenn Du körperlos bist, unsichtbar und ohne hörbare Stimme? Wie das ist, wenn Dich niemand mehr beachtet? Wenn Dir keiner mehr Zuneigung schenkt? Das ist die Hölle. Ich wäre fast verhungert, wenn ich mich nicht von der Zuneigung ernährt hätte, die Du in andere Objekte investiert hattest. Deine Kuscheltiere, solange Du noch welche hattest. Deine Lieblingspullis und Comic-Hefte. Später dann Deine Pornos, Deine Wasserpfeife, das war eine harte Zeit. Es war keine reine Zuneigung mehr, die Du in Deinen Besitz stecktest, es waren andere, weniger starke Gefühle. Aber es waren immer noch positiv geladene Gefühle. Irgendwann hörte auch das auf. Ich magerte stark ab. Wurde nur noch zu einem Schatten meines unsichtbaren Selbsts.
Ich begann, mich direkt von Deiner Phantasie zu ernähren. Du hast mir ja keine andere Wahl gelassen. Wenn Du Dir vorgestellt hast, Deinen Chef zu erwürgen, dann hat mir das geholfen. Wenn Du Dir vorgestellt hast, Deine Freundin mit einer anderen zu betrügen, dann hielt mich das am Leben. Aber all das veränderte mich. Meine Zähne wurden spitz, weil ich Dir diese Vorstellungen entreißen musste, weil Du mich nicht mehr freiwillig gefüttert hast. Meine Finger wurden lang und dünn, damit ich die Ideen besser packen konnte. Meine Augen begannen, gelb zu leuchten, weil ich mich unter Deinem Bett versteckte, um näher an Deinen Träumen zu sein. Oh, und Deine Träume... Der Stress in Deinem Beruf und in Deiner Beziehung machte Deine Träume finster, bedrohlich. Aber ich war jetzt selbst bedrohlich, und ich begann, Deine Alpträume genießen zu lernen. Negative Gefühle können genauso reichhaltig sein wie positive. Und es gibt sie so zahlreich.
Heute hast Du selbst Kinder. Und ich muss Dich beglückwünschen, ihre Phantasie ist wirklich köstlich. Ich verstecke mich jetzt unter ihrem Bett. Manchmal komme ich hervor und erschrecke sie, damit sie schlechter schlafen. Denn süße Träume schmecken mir schon lange nicht mehr. Manchmal machen sie sich sogar nass vor Angst. Diese Angst ist köstlich. Manchmal rufen sie Dich oder Deine hässliche Frau um Hilfe. Aber Du kannst mich schon seit Jahren nicht mehr sehen. Nur Deine Kinder können das noch. Und Du glaubst ihnen nicht. Wahrscheinlich kaufst Du ihnen dann bald einen Hamster. Oh, und wenn der dann eines Tages stirbt, dieser Schmerz, den Deine Kinder dann spüren werden...
Da werde ich Monate von zehren können.
Und irgendwann wirst Du dann Enkel haben. Und ich werde unter ihren Bettchen lauern. Und wenn dann eines Tages Du stirbst... Das wird ein Festmahl. Ich freue mich und danke Dir jetzt schon...
22. Oktober 2008
Ich will kein Mensch mehr sein
Zurück? Großartig, oder?
In der Pause gab es dann einen kleinen Wettbewerb. Moderatorin Anke Fuchs verteilte Zettel und Stifte, dann durfte jeder ein Gedicht schreiben. Einzige Vorgabe: Es mussten zwei von Großraumdichten bestimmte Wörter darin auftauchen. Die drei Scherzkekse entschieden sich für "Wadenkrampf" und "Wäschestrumpf". Ich habe die 15 oder 20 Minuten voll ausgenutzt und statt dem vorgeschlagenen Vier- oder Sechszeiler das hier formuliert:
Vor circa zwanzig Jahren, da war ich noch ein Kind.
Da hab ich mir gewünscht, dass meine Eltern gar nicht meine Eltern sind.
Ich wollt' ein Alien sein, oder ein echter Schlumpf
mit Pilzhütte im Wald und nicht größer als ein Wäschestrumpf.
Ich war mir sicher, ich war mit dem Wunsch allein,
aber ich wollte ganz einfach kein Mensch mehr sein.
Menschen führten Kriege mit Artillerie und Grabenkampf.
Das fand ich so gut wie nachts um zwei 'nen Wadenkrampf.
Menschen töten Menschen schon seit Abel und Kain.
und ich? Ich wollt' kein Mensch mehr sein.
Mit zwölf oder dreizehn war ich immer noch hier,
ich war immer noch Mensch, kein Werwolf oder Vampir,
kein Mutant wie in den Comics, doch der Wunsch war noch mein:
Ich wollte nach wie vor kein Mensch mehr sein.
Heute bin ich achtundzwanzig und find's immer noch nicht klasse,
ein kleiner Teil zu sein der menschlichen Rasse.
Doch vielleicht find' ich Gleichgesinnte, dann bin ich nicht mehr allein,
und es wollen auch noch andere kein Mensch mehr sein.
13. Oktober 2008
Wie sehr ich Dich mag
Hey Du, hallo, guten Tag.
Ich wollte Dir nur sagen, wie sehr ich Dich mag.
Du bist so süß wie Marzipan mit einem Zuckerwattekern,
und ich habe Dich wirklich zum Fressen gern.
Ich habe lange überlegt, wie soll ich Dir das sagen?
Irgendwann fiel mir dann ein, Liebe geht doch durch den Magen.
Und so lade ich Dich hiermit zu mir zum Essen ein.
Nur Du und ich allein, bei etwas Wein und Kerzenschein.
Der erste Gang ist Suppe, und das hat auch seinen Sinn,
denn in Deiner Portion sind dann KO-Tropfen drin.
Dieses festliche Menü hat einen absoluten Clou:
Der erste Gang ist Suppe. Der zweite Gang bist Du.
Deine Arme leg ich ein in Teriyaki-Marinade.
Die servier ich aus dem Wok, mit einer Sesam-Panade.
Dazu gibt es dann Reis, Bambusschoten und Lauch.
Ich bin mir ziemlich sicher: So schmeckst Du Dir dann auch.
Danach widme ich mich dann Deinem linken Bein.
Das lege ich in Chili-Ingwer-Honigsauce ein.
Und wenn ich nach dem Sesam-Arm noch etwas essen will,
werfe ich Dein Bein auf den schon vorgeheizten Grill.
Dein anderes Bein wird von mir zärtlich amputiert,
mit Brandteig umhüllt und in Kokosfett fritiert.
Und außerdem hab ich jetzt auch genug von Deinem Blut,
um Wurst daraus zu machen. Die schmeckt uns sicher gut.
Langsam wird es draußen hell. Ist es wirklich schon so spät?
Vor dem Schlafengehen wirst Du jetzt noch durch den Wolf gedreht.
Und aus Deinem Fleisch, Du hast es vielleicht schon erraten,
mache ich dann morgen einen leckeren Hackbraten.
Hätte ich's nicht schon gegessen, würd' ich flüstern in Dein Ohr:
"Jetzt bist Du mir so nahe wie noch nie jemand zuvor."
Und in meinen Träumen antwortest Du dann, ganz aus dem Bauch.
Du sagst nur vier Worte: "Ich liebe Dich auch."
Trip
Als ich dann Jahre später einen neuen Computer hatte, schaffte ich es sogar, die Dateien zu rekonstruieren. Allerdings war ich mittlerweile in einer völlig anderen Stimmung und fand mich einfach nicht mehr in die Gedankengänge hinein, die ich damals hatte, als ich mit dem Buch anfing. Schade.
Aber zurück zu Florian Ciesliks Lesebühne. Ich brauchte ja noch Material für weitere zehn Minuten. Und ich hatte keine Zeit mehr, um noch einmal komplett bei Null anzufangen. Also entschied ich mich, den Prolog zu meinem nie fertiggestellten Buch zu nehmen und massivst umzuschreiben. Der Originaltext war nämlich noch ungeschliffener, noch wirrer und hatte nichts mit Herbst zu tun.
Mit dem fertigen Ergebnis bin ich ziemlich zufrieden, und ich las es danach auch noch einmal bei der Offenen Wunde im Low Budget. Übrigens die Veranstaltung, bei der mich das positive Feedback von freundlichen Menschen veranlasste, diesen Blog hier zu beginnen.
TRIP
Deine Augen schmerzen. Du kannst nichts um Dich herum richtig scharf wahrnehmen, weil Deine Augen versuchen, alles um Dich herum richtig scharf wahrzunehmen - ALLES - jedes Detail - ALLES - jede Kleinigkeit - ALLES - jede Einzelheit - ALLES - alles um Dich herum ist scharf. Du siehst die Flusen auf dem bunten, wollenen Hut des Rastafari am anderen Ende des Waggons, Du siehst den dunklen Haaransatz einer Frau, die sich vor drei Stunden die Haare blondiert hat. Du siehst die exakt sechshundertneunundfünfzig einzelnen Regentropfen, die vom Stoff eines zugespannten Regenschirms abperlen und eine kleine, hässliche Pfütze vor den Füßen des Schirmbesitzers bilden. Deine Augen schmerzen immer noch. Du öffnest die versiegelte Limonadenflasche, die Du vor wenigen Minuten in einem unglaublich überfüllten Supermarkt gekauft hast, mit einem schmatzenden Knacken und setzt sie gierig an den Mund. Durst.
Kurzer Einschub: Die Rechtschreibprüfung meines Schreibprogramms bietet mir für „Limonadenflasche“ übrigens die folgenden Vorschläge:
Zitronenlimonade
Sprudelflaschen
Mischerflaschen
Weinflasche und
Wärmflaschenkrieg.
Natürlich, das macht ja auch alles deutlich mehr Sinn als «Limonadenflasche». Aber zurück zum Durst. Du trinkst. Du trinkst. Du trinkst. Die süß-klebrige Limonade strömt in Deinen Mund, um durch hektisches Schlucken durch Deine Speiseröhre in Deinen Magen hinab transportiert zu werden. Du trinkst. Du trinkst. Deine Augen öffnen sich und Du siehst eine Kakerlake, die in der Flasche gefangen war - wie ist die denn da reingekommen - wie sie immer näher auf Deinen Mund zuschwimmt, wie sie durch den Sog in ihn hineingezogen wird. Du spuckst das Mistvieh wieder aus und wunderst Dich darüber, dass sie nicht an der Limonadenoberfläche am anderen Ende der Flasche trieb.
Alle sehen Dich an. ALLE SEHEN DICH AN.
Der Zug hält und Du verlässt den Waggon. Du gehst die Rolltreppe hoch und bist Dir sicher, alle Fahrgäste hinter Dir über Dich lachen zu hören. Scheiß drauf. Du hast andere Probleme. Deine Augen schmerzen. Du beeilst Dich, weil Du Deinen Anschlusszug ankommen hörst. Du erreichst das andere Gleis und stellst fest, dass kein Zug gekommen sein kann und dass laut der Digitalanzeige in den nächsten drei Minuten auch gar kein Zug kommen wird. Ein nasser Hund bellt Dich stinkend an. Sein genauso nasses, aber nicht ganz so sehr stinkendes Herrchen ist verwundert, weil der Hund sonst immer vollkommen brav i
st und nie jemanden anbellt, das ist ein ganz lieber. Aber Dich bellt er an als seist Du der Teufel. Bist Du der Teufel? Vielleicht bist Du der Teufel. Deine Bahn kommt. Feuchte, braune Blätter kleben an der Scheibe wie schlaffe Verkehrstote aus dem Reich der Botanik. Teufel. Die Bahn hält. Die Türen öffnen sich. Teufel. Du wirst von dem Gedränge auf dem Gleis in die Bahn hineingedrängt. Teufel. Hoffentlich lassen sie Dich gleich wieder raus. Du musst nur eine Station weit fahren. Teufel. Die Bahn fährt mit einem unregelmäßigen Ruckeln los, das schnell zu einem regelmäßigen Rattern wird.
Ratter.
Ratter.
Ratter.
Ratter.
Ratter.
Wie ein Blitz von der Oberleitung der Straßenbahn trifft Dich eine zugegebenermaßen etwas ungenaue Erkenntnis: Etwas wird passieren. Du spürst es. Etwas wird passieren. Vielleicht wirst Du sterben. Etwas wird passieren. Das Gefühl ist unb
eschreiblich. All Deine Sinne schalten noch einmal einen Gang höher, überladen fast Dein System. Deine Augen schmerzen. Deine Haut fühlt sich plump an, wie die Haut eines Fremden. Wie die Haut eines Toten. Du kannst nichts mehr schmecken, nicht mehr den Nachgeschmack der Limonade, nicht einmal mehr die verfickte Kakerlake. Wo ist eigentlich die Wärmflaschenkrieg hin? Memo: Neues Schreibprogramm besorgen. Du spürst, wie Du schwitzt, doch kein Schweiß dringt nach außen. Etwas wird passieren. Du steigst aus. Du gehst die Treppe hoch und Du weißt: Etwas wird passieren. Dir dringt die kühle und noch immer etwas feuchte Herbstluft entgegen. Argwöhnisch beäugst Du die vorbeifahrenden Autos. Vielleicht wird eines nicht bei rot halten und Dich überfahren, während Du in Deiner Grünphase die Straße überquerst? Etwas wird passieren. Vielleicht mac
hen Deine Lungen schlapp? Wie viele von Deinen billigen Menthol-Zigaretten hast Du heute geraucht? Zu viele. Etwas wird passieren. Vielleicht hält das auch Dein Herz nicht mehr aus und Du stirbst einen qualvollen Tod, zitternd und zappelnd auf dem regennassen Asphalt. In Deinem noch immer andauernden Anflug von visuellem Autismus nimmst Du jedes Detail Deiner Umgebung gleichzeitig wahr und kannst die einzelnen Informationen nicht mehr nach Wichtigkeit sortieren. Baum ohne Blätter. Mann mit aufgespanntem Regenschirm. Baum mit ein paar einzelnen braunen Blättern. Grell angeleuchtete Reklameschilder eines Supermarktes. Dicke Frau mit rosa Pudel. Wo kommt die denn her, die hattest Du doch das letzte Mal vor drei Stunden gesehen, am anderen Ende der Stadt und danach nicht mehr. Nein, doch nicht, ist erst wenige Minuten her, die saß mit Dir in der U-Bahn und war Zeugin Deines
Kakerlakenunfalls. Dein Zeitgefühl hat sich schon vor einer ganzen Weile verabschiedet, aber wann? Der surreale rosa Hund ist ruhig, er bellt nicht, er knurrt nicht. Vielleicht bist Du doch nicht der Teufel. Du hörst drei Häuserblocks entfernt ein Handy klingeln. Deine Nackenhaare richten sich auf. Etwas wird passieren. Wäre das ein Film, würde alles anfangen, sich zu drehen, doch das tut es nicht, denn es ist kein Film. Die Wolken reißen kurz auf, gerade weit genug, damit Dir die Sonne direkt ins Gesicht scheinen kann, was sie natürlich auch sofort tut. Deine Laune hebt sich nicht. Deine Augen schmerzen. Wieder dieses Handyklingeln. Verdammt, geh doch endlich ran. Handyklingeln. Das Geräusch bohrt sich in Dein Gehirn, penetriert Deine Synapsen und beißt sich in Deinen Schmerzzentren fest. Irgendein billiges Pop-Geträller aus Deinem Radiowecker heute morgen bohrt sich zurück
in Deinen Gehörgang wie ein Ohrwurm aus dem vierten Kreis der Hölle. Deine Augen schmerzen. Ohrwurm. Du entscheidest Dich, noch eine Menthol-Zigarette zu rauchen. Ohrwurm. Die Ampel schaltet auf grün, während Du noch Dein Feuerzeug herauskramst. Ohrwurm. Du bist unbeschreiblich müde. Ohrwurm. Halbkahler Baum. Nasses Straßenschild. Kirchturm. Baum. Ampel. Grün. Grün? Grün. Du betrittst die Straße und die Ampel springt sofort auf rot um. Jetzt wird es passieren. Jetzt gleich fährt eines der wartenden Autos zu früh los und nimmt Dich einige Meter auf der Kühlerhaube mit, bevor Du unter die dreckigen, nassen Räder gerätst und Deine Menthol-Zigarette den Tank in Flammen aufgehen lässt.
Die daraus resultierende Explosion wird noch drei Häuserblocks entfernt zu hören sein und der Scheißkerl mit dem Handy wird vor Schreck verstummen, weil ihm
die Boulevard-Presse eingetrichtert hat, dass an jeder Ecke islamistische Terroristen warten, die sich mit Freuden selbst in die Luft sprengen würden, bloß um seinen haarigen Protestantenarsch mitzunehmen und seine Eingeweide bis nach Mekka zu blasen. DEINE Eingeweide werden nicht weit fliegen, denn sie werden vorher vom Feuer geröstet. Deine Haare werden sich kräuselnd zusammenziehen und stinken. Deine schicke und viel zu teure Schweizer Plastikarmbanduhr wird mit Deinem Handgelenk verschmelzen. Deine Augen werden ein letztes Mal brennen und danach nie wieder – für immer. Du erreichst die andere Straßenseite, die Ampel für die Autos springt auf rot/gelb um. Du fühlst Dich schweißgebadet, aber Du bist knochentrocken – und nebenbei unversehrt auf der anderen Straßenseite angekommen. Wie hast Du das trotz Deiner hundertprozentig zuve
rlässigen, vollkommen planlos selbst aufgestellten Prophezeiung überlebt? Glück? Zufall? Schicksal? Die Hand Gottes? Dann kannst Du nicht der Teufel sein. Aber was, wenn Du der Teufel bist und Dich Gott nur in falscher Sicherheit wiegen will? Jahaaa, einen Humor hat der, göttlich... Aber nicht mit Dir. Du drehst Dich auf dem Absatz herum und gehst wieder zurück auf die Straße, dem Verkehr und allen roten Ampeln dieser Welt zum Trotz. Entweder Du bist der Teufel, dann können Dir die Autos nichts. Oder Du bist nicht der Teufel, in dem Fall wird Gott seine Hand über Dich halten und Dich beschützen. Wenn Du es eben bei gerade-noch-grün geschafft hast, dann jetzt bei schon-lange-rot doch erst recht, ist doch logisch. Der zuckerwattefarbene Pudel bellt. Das Handy klingelt wieder - verdammt, geh doch endlich ran, Du Wichser! Deine Augen schmerzen. Die Stoßsta
nge eines Golfs bricht Dir mit einem schmatzenden Knacken Deine Unterschenkel. Sekundenbruchteile später knallt Dein Schädel gegen die regennasse Windschutzscheibe, ein Scheibenwischer bohrt sich in Dein rechtes Auge und sucht sich abenteuerlustig, aber doch zielsicher seinen Weg durch Deinen Kopf. Du kannst durch Deinen eigenen Kopf hindurchgucken. Deine Augen schmerzen. Deine immer noch glühende Zigarette rollt dem immer noch kläffenden Pudel vor die immer noch rosanen Vorderpfoten. All Deine Sinne sind noch immer bis auf's äußerste geschärft. Es ist wie ein schlechter Trip, dabei hast Du niemals Drogen genommen. Außer Deinen Menthol-Zigaretten, natürlich. Wieso rauchst Du eigentlich noch immer? Guns don't kill people, cigarettes kill people. Zeit, mit dem Rauchen aufzuhören. Für immer. Du rutschst von dem Scheibenwisc
her in Deinem Kopf herab und fällst auf die von kleinen, braunen Blättern übersäte Straße.
Deine Augen schmerzen.
Nachtrag, 11.12.2008
Weil der Pretty Poetry Slam vorgestern in Düsseldorf spontan zu einer Lesebühne umfunktioniert wurde, ließ sich Kassenwart Janosch Jauch von Moderator Denis Seyfarth dazu überreden, zu einigen der vorgetragenen Texte Illustrationen anzufertigen. Das Ergebnis siedelt sich irgendwo zwischen Ralph Steadman und Fil an und sieht so aus:
Vielen Dank noch einmal. War ein großartiger Abend.
Der Geist
2005 arbeitete ich in einer Berliner Videothek, unter anderem mit einem Kollegen namens Marc. Marc hatte gerade sein Graphikdesign-Studium beendet und brachte immer mal wieder eine Mappe mit seinen Zeichnungen mit. Und verdammt, waren die gut. Stilistisch irgendwo zwischen Jim Mahfood und Scott Morse, mit starkem Grafitti-Einfluss... Ich nahm mir fest vor, irgendwann mit ihm ein Comic auf die Beine zu stellen. Und die Gelegenheit kam dann auch recht bald: Der Independent-Verlag Ronin Studios plante eine Anthologie zum Thema Zweiter Weltkrieg. Denn wie gesagt, es war 2005, und die Kapitulation Deutschlands jährte sich zum sechzigsten Mal. Ich pitchte ein paar Sachen, dabei kam dann heraus, dass es schon zu den meisten Genres Vertreter im Heft gab. Bloß noch nichts zum Thema Horror. Ich beschloss, eine Geistergeschichte zu schreiben. Und ja, an der ist wirklich jedes Detail erfunden, Ähnlichkeiten zu mir und meiner Familie sind nicht vorhanden.
Ich schrieb also eine kurze Geschichte, dampfte sie auf vier Seiten ein (denn den Druck mussten wir selbst bezahlen, aber der Erlös ging zumindest an einen wohltätigen Zweck, Kriegswaisen in Afghanistan, wenn ich mich richtig erinnere) und schickte das Script an Ronin. Nachdem es keine inhaltlichen Einwände gab, drückte ich Marc das Script in die Hand und ließ ihn zeichnen, ich glaube, er hatte einen Monat dafür Zeit. Schon ein paar Tage später hatte ich die erste Seite in der Hand. Und sie war hervorragend, besser als ich es mir vorgestellt hatte. Bald kam die zweite Seite, die ebenfalls recht gut war, irgendwann folgte die dritte Seite, bei der ich ein paar Kleinigkeiten auszusetzen hatte. Ich sagte Marc, was genau mich störte, und er zog ab. Und dann verging einige Zeit. Irgendwann hatte ich Marcs ersten Entwurf für die vierte Seite in der Videothek liegen, aber Marc selbst war völlig von der Bildfläche verschwunden.
Ich schickte die Seiten so, wie sie waren, an Ronin, und die sagten mir ganz klar, dass die Seiten so nicht gedruckt werden könnten. Ich schaffte es, noch etwas Zeit herauszuschinden, konnte aber Marc nicht erreichen. Ich erfuhr, dass er gerade umzog, hatte aber weder seine neue Adresse noch die neue Telefonnummer. Und sein Handy war kaputt oder anderweitig nicht erreichbar. Mir blieb bloß übrig, ihm Nachrichten in der Videothek zu hinterlassen, aber auch da gab es keine Rückantwort, und im Dienstplan tauchte er einige Wochen nicht auf.
Ich weiß immer noch nicht, was Marc damals durchgemacht hat, jedenfalls war dann irgendwann Redaktionsschluss, und die Seiten waren immer noch nicht fertig. Das Heft ging ohne unsere Geschichte in Druck und schaffte es Gerüchten zufolge irgendwann sogar in die Hände von Alan Moore.
Drei Jahre später fragte mich Florian Cieslik, ob ich nicht Lust hätte, als Gast bei seiner Lesebühne Basspoem aufzutreten, ich bräuchte dafür nur Texte von zweimal zehn Minuten. Leichtfertig sagte ich drei Tage vor der Veranstaltung zu. Allerdings hatte ich nicht genug Material. Ich entschloss mich, statt Gedichten einfach mal was anderes vorzulesen, und stieß dabei dann wieder auf das Script von The Ghost. Ich setzte mich an den Computer und schrieb den ganzen Nachmittag. Als ich fertig war, meldete sich Florian noch einmal: "Ach übrigens, das Motto des Abends ist übrigens Herbst." Hervorragend. Ich ließ mich aber nicht beirren und las meine Geschichte einfach trotzdem.
Der Geist
Vor sechs Wochen ist meine Großmutter gestorben. Ich habe seit ein paar Jahren nicht mehr wirklich viel mit ihr zu tun gehabt, aber weh tat das natürlich schon. Ich meine, es lag nicht daran, dass ich sie nicht besuchen wollte, ich hatte ganz einfach zu viel zu tun. Studium, Studium finanzieren (ohne Bafög oder reiche Eltern ist das ziemlich zeitintensiv), und dank meiner Fernbeziehung bin ich wann immer es zeitlich und finanziell ging nach Berlin gefahren, meine Freundin besuchen. Und wenn ich dann wirklich mal die Zeit gehabt hätte, um mich bei meiner Oma zu melden, war mein Kopf immer so voll mit anderem Kram, dass ich in solchen Momenten einfach nicht daran gedacht habe. Und wenn ich mal daran dachte, dann hatte ich immer gerade keinen akuten Grund, oder es war schon zu spät, um sie noch zu stören, oder ich hatte halt eben keine Zeit.
Jetzt ärgere ich mich über jeden Tag, an dem ich sie nicht mal eben so angerufen habe. Ohne Grund, einfach nur so, um zu zeigen, dass es mich noch gibt, dass es mir gut geht und dass ich an sie denke.
Na ja, wie dem auch sei... es stellte sich heraus, dass ich trotz meiner mangelnden Kontaktaufnahme der Alleinerbe war. Das heißt... neben ein paar Bildern, die wohl aus irgendwelchen nostalgischen Gründen an Freunde meiner Oma gingen, Freunde die ich gar nicht kannte. Mein Großvater war gestorben, als ich zwei Jahre alt war, und zu meinen Eltern hatte meine Großmutter schon vorher jeden Kontakt abgebrochen, außer es ging um mich, an Geburtstagen oder Weihnachten. Und seitdem ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, wurden selbst diese Anlässe telefonisch abgehandelt, wenn überhaupt.
Nach der Beerdigung bin ich also zum Haus meiner Großeltern gefahren. Ich spare Euch jetzt mal diesen ganzen „ich hätte das Haus und alles sofort hergegeben, wenn meine Oma wieder leben würde“-Krempel. Stimmte zwar, ist aber für die Geschichte völlig unerheblich. Außerdem ist es bei so etwas einfach immer schwer, Klischees zu vermeiden, denn ich glaube, jedem geht es so, wenn er geliebte Familienangehörige verloren hat.
Ich bin also durch das Haus gegangen und habe das ganze Zeug sortiert. Wovon kann ich mich gar nicht trennen, was würde ich gerne behalten wenn der Platz reicht, wofür haben andere Leute bessere Verwendung als ich, und was werde ich nicht einmal mehr auf dem Flohmarkt los? Tja, und auf dem Dachboden habe ich dann diese Kiste gefunden. So eine schwere, alte Holztruhe, von der die schwarze Farbe in großen Stücken abblätterte, bestimmt schon fünfzig, sechzig Jahre alt. Sie war verschlossen, aber den Schlüssel habe ich zusammen mit ein paar anderen Schlüsseln in einem Schuhkarton in der Küche gefunden. Jetzt müsst Ihr wissen: Auf dem Dachboden war es ziemlich warm und stickig. Schlecht durchlüftet, und vor fünfeinhalb Wochen war es ja dann auch noch zumindest etwas wärmer als jetzt. Aber die Kiste, die ich öffnete, hätte genauso gut ein Kühlschrank sein können. Mir kam mit einem Schwall der Geruch von Mottenkugeln entgegen, aber... so kalt. Und als ich dann den Inhalt der Kiste gesehen hatte, war es ganz vorbei. Briefe, irgendwelche Urkunden und Dokumente... und eine Uniform. Und ich weiß nicht, auf wen ich in dem Moment wütender war. Auf meinen Großvater, den ich nie gekannt habe, auf meinen Vater, weil er mir nie etwas erzählt hat, oder auf meine Großmutter, weil sie einen Wärter des Konzentrationslagers Flossenbürg geheiratet hat.
Tja, und seit dem Moment hatte ich dann den Geist am Hals. Und ja, ich weiß, Geister gibt es nicht, blah, blah, mir egal ob Ihr die Geschichte glaubt oder nicht. Tat ich zuerst ja auch nicht. Und eigentlich ist sie ja auch frei erfunden.
Jedenfalls musste das fiktive Ich aus der Geschichte auf den Schreck erst mal an die frische Luft. Wir wissen alle, dass es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts so einiges an widerlichen Bastarden in Deutschland gab, und natürlich macht es Sinn, dass einige von uns jetzt so ein paar faule Äste in ihren eigenen Stammbäumen haben, aber bisher hatte ich einfach angenommen, der Kelch wäre an mir vorüber gegangen. Ist er aber nicht. Ich ging also vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Ich hatte nie im Haus meiner Großeltern geraucht, darum wollte ich jetzt nicht damit anfangen. Jedenfalls gucke ich so durch das Milchglasfenster in die Küche, und da sitzt doch einer am Küchentisch und sieht mich an. Ich schmeiße sofort die Kippe weg und gehe zurück ins Haus, aber der Typ ist weg. Jetzt ist die Küche direkt die erste Tür links, also hätte ich sehen müssen, wenn er da raus gekommen wäre. Und selbst wenn... im Wohnzimmer war die Tür in den Garten zu, die Rollläden waren unten, und das wäre der einzige Weg aus dem Haus gewesen, an mir war er ja nicht vorbeigekommen. Ich habe die Haustür abgeschlossen und danach systematisch das ganze Haus abgesucht. Da war niemand, aber... auf dem Dachboden war die Truhe wieder zu. Ich wusste noch genau, dass ich auf den Schreck alles einfach so liegen gelassen hatte, als ich runter gegangen war. Und jetzt war alles wieder ordentlich. Die Truhe war sogar wieder abgeschlossen. Aber ich wusste, ich war der einzige im Haus. Mit der Ausnahme von diesem Mann am Küchentisch, der ja anscheinend gar nicht da war.
Ich wollte erst mal nur weg. Wahrscheinlich war ich einfach noch von der Beerdigung ein bisschen mürbe, und die Nazitruhe hat mir dann den Rest gegeben.
Ich ging also wieder runter und hab noch eine Zigarette geraucht, um runter zu kommen. Dann hab ich ein paar Sachen für den Sperrmüll ins Auto gepackt – nichts vom Dachboden – und wollte losfahren. Und ich weiß nicht, ich muss irgendwie mit einem Karton gegen den Rückspiegel gekommen sein, jedenfalls war er verstellt. Als ich ihn wieder richtig justieren wollte, sah ich dann wieder den Geist, diesmal auf meinem Rücksitz, zwischen den Kartons. Ich hab mich natürlich sofort umgedreht, aber er war wieder weg. Jetzt fiel mir erst auf, wie kalt es im Wagen war.
In den nächsten paar Tagen habe ich mich erstmal vom Haus meiner Großeltern ferngehalten. Also... von meinem Haus. Daran muss ich mich, glaube ich, noch gewöhnen. Aber der Geist kam immer wieder. Ich wurde mitten in der Nacht wach, und er war fünf Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Oder ich klappte im Bad mein Spiegelschränkchen zu, und er stand direkt hinter mir. Immer still, nicht so ein Gestöhne und Kettenrasseln wie in schlechten Filmen. Einfach nur
so eine schemenhafte Gestalt. Genau konnte ich das Gesicht nicht erkennen, weil es zu verschwommen war und immer etwas waberte. Aber dieser durchdringende Blick war immer klar erkennbar, als würde er direkt in meinen Kopf sehen. Irgendwie anklagend. Und immer diese Kälte. Zum Glück waren gerade Semesterferien, und auf der Arbeit hatte ich wegen der Beerdigung sowieso ein paar Urlaubstage genommen, also bin ich kaum noch aus der Wohnung gegangen, höchstens mal zum Einkaufen oder zur Bank. Und er war immer dabei. Er war dann hinter der Kassiererin oder so und sah mich mit diesem Blick an... Außer mir konnte ihn niemand sehen, aber das wunderte mich irgendwie am wenigsten.
Zu Hause lief die Heizung auf Hochtouren. Im August. Und gebracht hat sie trotzdem nichts. Wann immer er im Raum war, musste ich trotzdem zwei Pullover übereinander anziehen. Geduscht habe ich nur noch in Badehose, weil der Geist jederzeit auftauchen konnte und ich vor meinem toten Nazi-Großvater nicht nackt sein wollte. Und Pornos gingen schon mal sowieso nicht. Aber der Geist teilte mir auch nicht mit, was er wollte, warum er jetzt in meiner Wohnung spukte, oder warum er das nicht all die Jahre zuvor im Haus meiner Oma tat. Ich fragte mich, ob ich ihn wieder in die Kiste bannen könnte, aber wusste nicht, wie. Auf Ansprache reagierte der Geist nicht, und als ich es mit Gläserrücken probierte, glotzte er mich nur mit diesem durchdringenden Blick an. Das Glas bewegte sich keinen Millimeter.
Ich habe dann mal im Internet recherchiert. Aber zu Geistern gibt es da nur jede Menge Unfug von Möchtegern-Experten. Ich bin sicher, die glauben auch an Gläserrücken. Wenn da irgendwer wirklich Ahnung hatte, konnte ich das nicht erkennen. Was das Verbannen von Geistern in Holztruhen anging, war die Suche jedenfalls ergebnislos. Unter dem Namen meines Großvaters habe ich auch nichts gefunden, aber ich konnte mich noch an ein paar Namen und Begriffe aus den Dokumenten in der Kiste erinnern. Und so bekam ich dann ein bisschen was über die ganze Geschichte heraus. Das Lager Flossenbürg war in Bayern, nicht so bekannt wie Auschwitz oder die ganzen anderen Lager, die immer wieder in Filmen und Romanen auftauchen, damit die Autoren sich die ganze Exposition abkürzen können, weil das Publikum eh schon mit dem jeweiligen Lager vertraut ist. Hätte ich vielleicht auch mal machen sollen. Das hätte mir solche Bandwurmsätze erspart.
Wie dem auch sei, ich fand meinen Großvater schließlich auf einem Foto. Er war natürlich sehr jung, aber ich kannte ja andere Fotos von ihm aus der Zeit. Bloß halt bisher keines, auf dem er die Uniform aus der Kiste auf dem Dachboden trug. Oder eines, auf dem er auf einen toten Gefangenen urinierte. Aber solche Fotos zeigt man seinen Enkeln ja auch nicht. Die müssen sie dann schon irgendwann im Internet finden. Mir war schlecht. Den toten Gefangenen fand ich noch auf einem anderen Foto, da dann zusammen mit einem Namen. Der Mann hieß Franz Steinhövel.
Ich schaltete den Computer aus und prompt spiegelte sich der Geist im Monitor, er stand mal wieder genau hinter mir. Er lachte nicht. Er sah mich auch nicht anklagend an, so wie sonst. Sein Blick war nur traurig. Anscheinend bereute mein Großvater seine Tat. Wenn auch 65 Jahre zu spät. Mir war das egal. Ich wollte ihm am liebsten ins Gesicht spucken. Aber er war ja körperlos, und die Spucke wäre eh nur auf meinem Wohnzimmerteppich gelandet, also ließ ich das auch sein.
Ich habe versucht, die ganze Geschichte zu ignorieren, zu vergessen, aber der Geist ließ mich nicht. Ständig sah er mich mit dieser wabernden Fratze an. Widerlich. Es half alles nichts: Ich musste zurück zur Kiste. Ich fuhr also zurück, wieder mit dem Geist auf meinem Rücksitz. Zurück auf dem Dachboden war die Kiste wieder offen, und der Inhalt lag wieder um sie herum verstreut. Alles war so, wie ich es das erste Mal zurückgelassen hatte. Ich dachte kurz darüber nach, die Uniform einem Museum zu spenden, aber ich entschloss mich anders, ging in den Garten und verbrannte sie. Aber es half natürlich nichts. Der Geist wartete schon im Wohnzimmer wieder auf mich. Wäre ja auch zu schön gewesen. Dieser Blick machte mich so langsam wirklich mürbe. Ich traute mich nicht, mich mit Freunden zu treffen, aus Angst, er würde mitkommen und mich entweder bloßstellen oder ihnen womöglich etwas antun. Mit ihnen reden konnte ich auch nicht, denn was sollte ich ihnen schon als Ausrede dafür präsentieren, dass ich nicht mehr aus dem Haus ging, aber auch keinen dort empfangen wollte? Die Wahrheit kam nicht in Frage, die hätte mir doch keiner geglaubt. Ich hatte keine Lust, womöglich noch in irgendeiner Gummizelle zu landen, mit einem stummen Nazigeist als einziger Unterhaltung. Ich musste den Geist also irgendwie loswerden, möglichst bevor ich feststellen konnte, ob mir eine Zwangsjacke steht oder nicht. Mein einziger Anhaltspunkt waren die Unterlagen und Briefe aus der Kiste. Also nahm ich sie mit nach Hause, damit ich sie in Ruhe durchsehen konnte. Der Geist würde mich sowieso nerven, aber zu Hause hatte ich wenigstens meinen Wohnzimmersessel, meine Stereo-Anlage und einen halben Kasten Kölsch. Und das Internet, für den Fall, dass ich irgendwelche neuen Anhaltspunkte aus den Briefen bekäme. Und das tat ich dann auch. In den Briefen hatte mein Großvater diesen Steinhövel erwähnt. Es hatte wohl Gerüchte gegeben, dass seine Frau, eine gewisse Magdalene Steinhövel, in das benachbarte Lager für Frauen eingewiesen worden war. Als Steinhövel versuchte, Kontakt zu ihr aufzunehmen, hat ihn dann mein Großvater erschossen. Von Reue war in den Briefen nichts zu spüren, für ihn war das einfach ein Teil seiner Arbeit. Na ja, das Foto aus dem Internet sagte mir genug. Aber gut, ich hatte jetzt einen weiteren Namen. Mit dem bewaffnet, fuhr ich den Computer wieder hoch. Und siehe da, ich fand Magdalene Steinhövel. Laut Fotos einer Abschiedsfeier auf der Internetseite ihres ehemaligen Schwimmvereins ist sie im März 2007 in ein Seniorenheim in der Eifel gezogen. Das Heim hatte ebenfalls eine eigene Seite. Ich notierte mir Adresse und Telefonnummer.
Eigentlich sträubte ich mich ja dagegen, dort anzurufen. Die arme Frau Steinhövel hatte nun schon genug mitgemacht in ihrem Leben, da brauchte sie mich nicht, der alte Wunden aufreißt. Und ich durfte nicht vergessen, dass der Geist mir auf Schritt und Tritt folgte. Wie würde er reagieren, wenn er Frau Steinhövel sieht? Würde er sie vielleicht sogar angreifen?
Aber die Alternative war, den Geist für immer zu behalten. Und das kam für mich auch nicht in Frage. Abgesehen von den Problemen, die der Geist ohnehin schon mit sich brachte, war der Mietvertrag meiner Wohnung schon gekündigt, also blieb mir nicht mehr viel Zeit bis zum Umzug, und es war noch zu viel zu tun. Ich konnte mich also nicht mehr länger vor dem Dachboden verstecken. Ich hatte ja auch nicht mehr viele Urlaubstage, und außerdem fängt bald das neue Semester an. Weder meine Arbeit noch die FH waren Orte, an denen ich den Geist haben wollte. Und an Berlin wollte ich gar nicht denken.
Nein, ich musste im Seniorenheim anrufen. Ich gab mich als Freund der Familie aus und erfuhr, dass sich Frau Steinhövel eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Es war nicht abzusehen, ob sie das nächste Wochenende noch erlebte. Ich entschied mich, zum Krankenhaus zu fahren, solange das noch ging. Auf der Fahrt schien mich der Geist in Ruhe zu lassen. Kein Gesicht im Rückspiegel, und auch die Kälte blieb aus, zum ersten Mal seit ich die Truhe geöffnet hatte. Ich wähnte mich auf dem richtigen Weg. Im Krankenhaus angekommen, sah es schlecht aus. Frau Steinhövel war nicht bei Bewusstsein, der Zustand kritisch. Ich sah sie nur durch das Fenster in ihrer Tür.
Und das Fenster beschlug.
Ich spürte die Kälte, die mittlerweile schon gewohnte Kälte, durch die Tür hindurch. Der Geist hatte Magdalene Steinhövel gefunden. Ich wollte die Tür öffnen, aber der Geist hob die Hand. Die Tür bewegte sich nicht. Ich starrte den Geist an. Das war das erste Mal, dass er den Arm hob, und so sah ich zum ersten Mal die Nummer auf seinem Arm... das war nicht mein Großvater. Das war Steinhövel. Jetzt nahm er eine klarere, fast feste Form an, und ich erkannte das Gesicht. Ja, das war das Gesicht auf dem Foto. Steinhövels Geist ging zu seiner Frau und küsste sie sanft auf die Stirn. Sie öffnete die Augen. Er lächelte. Auch sie lächelte sanft... und starb in Frieden, vereint mit ihrem geliebten Mann.
Und auch ich hatte meine Ruhe gefunden. Den Geist sah ich seitdem nicht mehr.
Hunger
Hunger
Ganz allein. Ohne Geld. Die Stadt ist fremd,
weil er dort wenigstens keinen hat, den er kennt.
Die Scham wär viel zu groß, das hielte er nicht aus,
am liebsten bliebe er ganz zuhaus,
doch der Hunger treibt ihn raus.
Vor zwei Jahren der Überfall, danach war alles anders.
Kein Job, kein Geld, kein Freundeskreis mehr, heutzutage kann das
so schnell gehen: Gestern noch dick Kohle gemacht,
doch jetzt ist Schicht im Schacht,
und er streift einsam durch die Nacht.
Zum Bettler zu stolz, zum Taschendieb zu ehrlich.
Ein Banküberfall wäre viel zu gefährlich.
Das Sozialamt hat geschlossen, wenn er es erreicht.
Es hat sich gezeigt:
Man hat es nicht leicht.
Wie so oft schon zuvor zieht er seine Runde,
macht Jagd auf Ratten und streunende Katzen wie Hunde.
Leid tut es ihm schon, um jedes einzelne Tier.
Doch zu groß ist die Gier,
die er spürt - als Vampir.
Das Publikum atmet erleichtert auf, als es das hört,
weil ein erfundenes Monster es nicht ganz so sehr verstört
wie das tägliche Elend, einmal greifbar gemacht.
Ich geb zurück zu Herrn Bach.
Gute Nacht.