13. Oktober 2008

Hunger

Da war ich dann also das erste Mal in der zweiten Runde von The Word is not Enough. Und was ist in so einer Situation sinnvoller, als das Publikum vor den Kopf zu stoßen? Aber der Reihe nach, erst einmal das Gedicht:

Hunger

Ganz allein. Ohne Geld. Die Stadt ist fremd,

weil er dort wenigstens keinen hat, den er kennt.
Die Scham wär viel zu groß, das hielte er nicht aus,
am liebsten bliebe er ganz zuhaus,
doch der Hunger treibt ihn raus.

Vor zwei Jahren der Überfall, danach war alles anders.
Kein Job, kein Geld, kein Freundeskreis mehr, heutzutage kann das
so schnell gehen: Gestern noch dick Kohle gemacht,
doch jetzt ist Schicht im Schacht,
und er streift einsam durch die Nacht.

Zum Bettler zu stolz, zum Taschendieb zu ehrlich.
Ein Banküberfall wäre viel zu gefährlich.
Das Sozialamt hat geschlossen, wenn er es erreicht.
Es hat sich gezeigt:
Man hat es nicht leicht.

Wie so oft schon zuvor zieht er seine Runde,
macht Jagd auf Ratten und streunende Katzen wie Hunde.
Leid tut es ihm schon, um jedes einzelne Tier.
Doch zu groß ist die Gier,
die er spürt - als Vampir.

Das Publikum atmet erleichtert auf, als es das hört,
weil ein erfundenes Monster es nicht ganz so sehr verstört
wie das tägliche Elend, einmal greifbar gemacht.
Ich geb zurück zu Herrn Bach.
Gute Nacht.

Wie bereits in früheren Posts erwähnt, ist "Herr Bach" natürlich der Moderator des Kölner Slams The Word is not Enough. Und ja, was soll ich sagen... da hatte ich in der ersten Runde einen locker-flockig witzigen Text über die KVB, die ja nun jeder Kölner kennt, vorgetragen, das Publikum wählt mich weiter, und ich komme mit so einem Downer. Aber das musste einfach raus. Die Grundidee, das Leben eines sozialen Außenseiters völlig deprimierend darzustellen, dann den Twist zu bringen, er ist ein Vampir, um dann dem Publikum eine Art Spiegel vorzuhalten, war mir schon ein paar Tage vor dem Slam durch den Kopf gegeistert. Und wieder einmal wurde der Text erst kurz vor dem Slam fertig, und ich hatte ja nichts anderes zum Lesen (außer der Geistergeschichte, die ich von Anfang an im Hinterkopf hatte, für den völlig illusorischen Fall, dass ich es mal ins Finale schaffte). Ich bin immer noch stolz auf das Gedicht, sowohl von der Form als auch von der Aussage her. Bloß war es vielleicht wirklich taktisch etwas unklug platziert. Aber macht ja nichts, gewonnen hat Michael Feindler, dem ich den Sieg nun wirklich gegönnt habe. Und immerhin hat mich nach dem Slam Florian Cieslik als Gast zu seiner Lesebühne Basspoem eingeladen. Danke nochmal an Florian.

Keine Kommentare: